Weißt du’s schon? – Predigt zu Eph 3,1-9, Epiphanias, 04.01.2026
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn
Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
(1) früher, in der Schule, gehörte ich zu denen, die Gerüchte als Letzte
mitkriegten. Wenn getuschelt wurde, wer mit wem entweder zusammen
oder frisch zerstritten war, war ich fast immer außen vor. Ich gehörte nicht
zu dem Kreis, in dem diese Geheimnisse weitergegeben wurde. Anfangs
fand ich das ziemlich blöd. Denn es zeigte mir, dass ich irgendwie nicht
dazugehörte. Doch mit der Zeit merkte ich, dass es egal war, ob ich das
Geheimnis kannte oder nicht. Es hatte keine Auswirkung auf mein Leben,
zu wissen, ob Theresa und Annett sich auf dem Schulhof die übelsten
Schimpfwörter an den Kopf geknallt hatten. Und wenn noch später das
Geheimnis kein Geheimnis mehr war, weil alle es wussten, dann waren die
beiden schon wieder die besten Freunde.
Das waren eher die harmlosen Geheimnisse. Dann gibt es noch die kleinen,
schmutzigen Geheimnisse, im echten Leben. Oder viel eher doch in den
Krimiserien im Fernsehen. Das sind die Geheimnisse, die dem Mitwisser
Macht verleihen. Wenn man das weiß, ist man den anderen überlegen. In
dem Fall ist Wissen tatsächlich Macht. Da ist man darauf bedacht, dass der
Kreis der Mitwisser klein bleibt.
Und Kindern wird im Zuge der Prävention vor sexuellem Missbrauch
beigebracht, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt. Die guten
Geheimnisse bereiten Freude. So steigt zum Beispiel die Vorfreude, je
länger man das Geheimnis für sich behält – bis hin zu dem Tag, wo die
Überraschungsparty zu Papas Geburtstag steigt. Schlechte Geheimnisse
hingegen verursachen Übelkeit, wenn man nur daran denkt. Und für den
Fall, dass man es weitererzählt, wird mit Schlägen oder anderen bösen
Dingen gedroht. Diese schlechten Geheimnisse sollte man nicht für sich
behalten, sondern weitererzählen. Damit kommt das Geheimnis ans Licht
und verursacht keine Ängste mehr. Ein Geheimnis zu offenbaren, entlastet
das Gemüt. Ein Geheimnis, das alle kennen, ist dann kein Geheimnis mehr.
1(2) Paulus schreibt in seinem Brief an die Christen in und um Ephesus in
Kleinasien auch von einem Geheimnis – und deckt es auf! Vermutlich
würden dem FBI die Haare zu Berge stehen. Es war doch topsecret, und
nun wird es hinausposaunt! Doch gerade darum geht es dem Paulus. Denn
es ist ein sehr gutes, ein göttliches Geheimnis. Und so schreibt er:
1 Deshalb bete ich, Paulus, für euch, die Heiden. Euch kommt es
zugute, dass ich der Gefangene Christi Jesu bin.
2 Ihr habt doch gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch
verliehen hat.
3 Durch eine Offenbarung wurde mir das Geheimnis mitgeteilt, das
ich soeben kurz beschrieben habe.
4 Wenn ihr das lest, könnt ihr sehen, welche Einsicht in das
Geheimnis Christi mir gegeben ist.
5 Den Menschen früherer Generationen war es nicht bekannt; jetzt
aber ist es seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist
offenbart worden:
6 dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören
und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das
Evangelium.
7 Ihm diene ich dank der Gnade, die mir durch Gottes mächtiges
Wirken geschenkt wurde.
8 Mir, dem Geringsten unter allen Heiligen, wurde diese Gnade
geschenkt: Ich soll den Heiden als Evangelium den unergründlichen
Reichtum Christi verkündigen
9 und enthüllen, wie jenes Geheimnis Wirklichkeit geworden ist, das
von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war.
(Eph 3,1-9, Einheitsübersetzung 1980)
Das Geheimnis von Paulus ist, dass auch die Heiden durch Jesus Christus
gerettet werden. Also nicht nur die Juden gehören zum Volk Gottes, sondern
auch die Menschen, die aus der nicht-jüdischen Tradition kommen. Die
Kirche Jesu Christi besteht aus beiden Teilen, und beide Teile sind
gleichwertig. Eins ist nicht besser als das andere. Beide gehören
zusammen. Paulus betont das, indem er dreimal das Wörtchen „mit“
verwendet und dafür sogar neue Worte erfindet: Die Heiden sind mit-
leibend, miterbend und mit-Anteil-habend.
Dieses Geheimnis ist Paulus direkt von Gott offenbart worden. Das ist auch
der Unterschied zum Rätsel: Ein Rätsel wird mithilfe der Vernunft und des
Verstandes gelöst. In ein Geheimnis hingegen wird man eingeweiht. Einer
2muss es mir sagen, weil ich selbst nicht darauf kommen kann. Und so ist
das mit Gottes Geheimnis: Paulus war ein kluger Typ, ein Gelehrter. Doch
mit all seinem Verstand ist er nicht darauf gekommen, dass Jesus Christus
Gottes Sohn ist. Wäre Jesus ihm nicht direkt begegnet, hätte Gott sich ihm
nicht persönlich offenbart, dann hätte Paulus vermutlich bis an sein
Lebensende Christen verfolgt. Gott musste ihn einweihen.
Und Gott tat gut daran, sich den Paulus als Geheimnisträger auszusuchen.
Denn Paulus hatte die Kraft und die Energie und Leidenschaft, dieses
Geheimnis in die Welt zu tragen. So ganz einfach war das nämlich nicht.
Diese Offenbarung trug Sprengstoff für die junge Kirche in sich. Bisher war
es selbstverständlich gewesen, dass nur Juden zu Gottes ausgewähltem
Volk gehören. Und nun behauptete Paulus, dass auch die Heiden vollwertig
dazugehören und gerettet werden– und führte das auch noch auf eine
göttliche Offenbarung zurück. Solch eine Behauptung musste gut geprüft
werden. Doch Gott hatte auch Petrus und andere in dieses Geheimnis
eingeweiht.
So kam es um 48/49 n. Chr. in Jerusalem zum Showdown, nachzulesen in
der Apostelgeschichte, Kapitel 15. Nach hitzigen Diskussionen konnten
schließlich Paulus, Petrus und einige andere Eingeweihte die Gegner
überzeugen. Es brauchte Zeit, bis sich diese Erkenntnis durchsetzte.
(3) Auch wenn das auf dem Apostelkonzil als etwas unerhört Neues
diskutiert wurde, war es gar nicht so neu. Denn Gott hatte schon vor der
Erschaffung der Welt diesen Plan, dass alle Menschen durch Jesus Christus
gerettet werden sollen. Dabei begann er, seinen Heilsplan schon dem
Abraham zu offenbaren. Ihm hatte er gesagt: „Durch dich sollen alle
Geschlechter Segen erlangen.“ (Gen 12,3) Dieser Bogen spannte sich bis zu
Paulus, den Gott auch einweihte.
Dazwischen gab es noch verschiedene Offenbarungsstationen. Die
Propheten sprachen davon, dass auch die Völker sich einmal dem Gott
Israels zuwenden würden. Und heute, kurz vor Epiphanias, denken wir
natürlich auch an die Weisen aus dem Morgenland. Sie erkannten, dass
Gott in Christus leibhaftig in der Welt war, dass dieses Kind in der Krippe
der König der Welt war. In der Kunst werden sie oft als Vertreter der drei
damals bekannten Kontinente dargestellt. Damit bringen sie das göttliche
Geheimnis sehr gut auf den Punkt. Paulus selbst sieht sich auch in dieser
Offenbarungstradition, zusammen mit anderen Aposteln und Missionaren
der frühen Christenheit. Das Apostelkonzil war dann sozusagen die
3institutionelle Legitimation, dass es ein gutes Geheimnis Gottes ist. Das
kann man nun weiter in der Welt verkünden. Der Epheserbrief ist dann die
Offenbarung dieses Geheimnisses, zumindest gegenüber den Adressaten.
Für sie scheint es auch etwas Neues gewesen zu sein. Gottes Gegenwart
breitet sich immer weiter aus auf der Welt. Die Kirche Jesu Christi wird im
Laufe der Zeit immer größer und weiter.
(4) Dass Menschen aus allen Völkern zu Gott gehören, ist für uns weder ein
Geheimnis noch etwas Neues. Es ist für uns selbstverständlich – sonst
säßen wir heute nicht hier. Es erscheint nicht mehr als ein Geheimnis, das
die Sicht auf die Welt verändern kann. Denn dieses unser Geheimnis, wenn
es denn noch eins wäre, will kaum einer mehr wissen. Es passiert nur noch
selten, dass Leute von außen an uns herantreten und fragen, was es denn
mit dem Christsein auf sich hat. Vieles bleibt in ihren Augen ein
unverständliches Geheimnis. Der Glaube und manche unserer Rituale
erschließen sich nicht von selbst. Ich denke da z.B. an das leise Geflüster
einer Trauerfamilie, als sie die Einsetzungsworte hörte, vom Blut Christi,
das vergossen ist und nun getrunken wird. Wer nicht „eingeweiht“ ist in das
Geheimnis des Abendmahls könnte diese Worte leicht missverstehen.
Kaum einer will es wirklich ganz genau wissen und zum Kreis der
„Eingeweihten“ dazugehören.
Wesentlich beunruhigender finde ich in diesem Zusammenhang, dass die
Menschen ihre Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen in andere Bahnen
lenken. In unserer Welt kann fast alles wissenschaftlich erklärt werden.
Raum für Geheimnisse und Dinge, die unerklärlich sind, bleibt kaum. Das
scheint für uns Menschen unbefriedigend zu sein. In uns Menschen scheint
eine Sehnsucht nach genau solchen Mysterien zu leben. In diesem
Zusammenhang ist mir diese Weihnachten aufgefallen, wie in den
Zeitungen und Medien die Rauhnächte, also die Zeit zwischen den Jahren,
beworben und gehypt wurde. Mit Bräuchen und Ritualen wird versucht, ein
bisschen Zauber einzufangen. Angeblich wird an das angeknüpft, was
früher schon bekannt war und jetzt wiederentdeckt wird, was meistens
nichts mit dem Christentum zu tun hat. Manche Ratschläge sind dabei
einfache Überlegungen für das seelische Wohlbefinden. Anderes hat
deutliche esoterische Anklänge, und einzelnes gehört in den Bereich des
Spiritismus und Geisterglaubens. Das wird dann gefährlich und ist mit dem
Glauben an Jesus nicht vereinbar. Ich persönlich finde es nicht
angemessen, wenn auch die Kirchenzeitung auf diesen Zug aufspringt. Mit
4der Adventszeit vor Weihnachten haben wir eine eigene Zeit der Besinnung.
Wir bereiten uns auf die Begegnung mit Christus vor und können auch zur
Ruhe kommen. Unser lebendiger Adventskalender war eine schöne
Gelegenheit, wie auch die verschiedenen Bläsermusiken. Schade, wenn
man neue Offenbarungen hervorkramen muss, weil man das Eigene nicht
zu schätzen weiß.
Jedenfalls kann man festhalten: Es gibt eine Sehnsucht nach Geheimnis,
aber unser Geheimnis scheint aktuell nicht interessant genug.
(5) Daher stellt sich uns, die wir hier sitzen, die Frage: Was machen wir nun
mit unserem Geheimnis, das einerseits so richtig keins mehr ist, und das
andererseits eh‘ kaum einer mehr wissen will?
Die Antwort ist ziemlich kurz: staunen, freuen, anbeten.
Gott hat uns gezeigt, dass auch wir zu seinem Volk dazugehören, dass wir
ihm wichtig sind und Christus unsere Rettung ist. Durch Worte der Bibel,
durch die Verkündigung und durch persönliche Erfahrungen hat Gott uns an
dieser Erkenntnis teilhaben lassen. Gott selbst und seine Pläne für uns
haben wir vielleicht ansatzweise erkannt. Doch bleibt vieles davon noch
geheimnisvoll und verborgen für uns. Und Weihnachten gehört definitiv zu
einem der größten göttlichen Geheimnisse. Wenn wir uns wirklich darauf
einlassen, brauchen wir gar nicht woanders nach dem Nervenkitzel des
Verborgenen zu suchen. Da reicht es, an der Krippe im Stall von Bethlehem
zu stehen. Und wenn wir an den kleinen Babyhänden den Fingerabdruck
Gottes erkennen, gehören wir dazu. Wir sind eingeweiht, weil Gott sich uns
selbst gezeigt hat. Und so werden wir selbst für diese Welt zu
Geheimnisträgern.
Staunen, freuen, anbeten – ich hoffe, dass das in diese Welt ausstrahlt.
Dass es Menschen dazu bringt, nachzufragen, nach dem Geheimnis
unserer Freude.
Staunen, freuen, anbeten – damit fing es auch bei den drei Weisen aus dem
Morgenland an. Und es ist ein guter Anfang für ein neue Jahr.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen noch ein gesegnetes neues Jahr.
Beginnen wir es, indem wir über Gottes Geheimnis staunen, uns über ihn
freuen und ihn gemeinsam anbeten.
Und der Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.









