2. Kor 5,15.17-21 Predigt Karfreitag 2026
Bibeltext
15Christus ist für alle gestorben, damit die Lebenden nicht länger für sich selbst leben. Sie sollen jetzt vielmehr für den leben, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde. 17Wenn jemand zu Christus gehört, gehört er schon zur neuen Schöpfung. Das Alte ist vergangen, etwas Neues ist entstanden! 18Das alles kommt von Gott. Durch Christus hat er uns mit sich versöhnt. Er hat uns sogar den Dienst übertragen, die Versöhnung zu verkünden.
19Ja, in Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet. Und uns hat er sein Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt. 20Wir treten also im Auftrag von Christus auf. Ja, Gott selbst lädt die Menschen durch uns ein. So bitten wir im Auftrag von Christus: Lasst euch mit Gott versöhnen! 21Obwohl Christus ohne jede Sünde war, hat Gott ihm unsere Sünde aufgeladen. Denn durch die Verbindung mit Christus sollen wir an Gottes Gerechtigkeit teilhaben. (BasisBibel)
Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde,
a) Karfreitag und Ostern zusammen führen uns zum innersten Kern unseres christlichen Glaubens.
Ostern zu feiern, fällt uns dabei leicht. Das liegt auf der Hand. Geht es an Ostern doch um das neue Leben. Da lässt sich jetzt im Frühling auch gedanklich gut anknüpfen, wo die Natur aus ihrem Winterschlaf erwacht.
Karfreitag zu feiern, ist da schon schwieriger. Und das liegt nicht nur daran, dass es am Karfreitag um die Schattenseiten des Lebens geht. Was an Karfreitag geschehen ist, versteht sich nicht von selbst. Und so wird der Karfreitag leicht missverstanden oder man versucht ihn in allgemeine menschliche Erfahrungen aufzulösen.
Der Apostel Paulus führt uns mit seinen Worten aus dem 2. Korintherbrief nun direkt ins Herz dessen, was der Karfreitag für uns und alle Menschen bedeutet.
b) Sein Thema hier ist die Versöhnung. Versöhnung geschieht, wo Feinde sich die Hand reichen und neu miteinander anfangen. Paulus benutzt dafür ein Wort, dass es so im Deutschen gar nicht gibt. Das Wort, das Paulus hier verwendet meint, etwas zu tauschen. Nicht Geschenke sollen getauscht werden. Vielmehr wird das ausgetauscht, was die Beziehung bestimmt. Feindschaft soll gegen Freundschaft austauscht werden, Hass gegen Liebe, Krieg gegen Frieden. Wo dieser Tausch stattfindet, geschieht Versöhnung. Dieses Wort wurde also nicht im religiösen, kultischen Bereich verwendet. Sondern es stammt aus dem politischen und sozialen Bereich. Also ein Bereich, in dem menschlichen Beziehungen miteinander gestaltet werden.
Versöhnung ist nur da nötig, wo ein Schaden die Beziehung belastet. Ein Schaden verursacht Kosten. Das können materielle Kosten sein. Doch es können auch soziale oder emotionale Kosten sein. Zur Versöhnung gehört, dass dieser Schaden benannt und beglichen wird.
Als junger Mann hatte ich einmal einen Unfall gebaut. Der entstandene Schaden war zum Glück nicht so groß. Doch mein Auto und das Auto des anderen waren beschädigt. Der Schaden musste ausgeglichen werden. Dafür ist meine Versicherung aufgekommen. Damit war der Ausgleich hergestellt und der Fall erledigt.
Das ist nur ein einfaches Beispiel. Viele Konflikte sind ja vielschichtiger.
Wenn mich jemand beleidigt – sei es absichtlich oder unabsichtlich – dann verletzt mich dies. Die Beziehung ist belastet. Erst, wenn wir darüber sprechen, und der andere um Entschuldigung bittet, kann Versöhnung geschehen. Das ist schon etwas komplizierter als ein Blechschaden am Auto.
c) Paulus geht es nun aber nicht zuerst um die Beziehungen unter uns Menschen. Es geht ihm um die Beziehung zwischen Gott und uns Menschen. Und Paulus denkt hier ganz grundsätzlich. Es geht nicht zuerst um meine persönliche Beziehung Gott. Es geht um alle Menschen und ihr Verhältnis zu Gott.
Gott schafft Versöhnung. Darauf kommt es Paulus an. Und diese Versöhnung geschieht durch Jesus Christus, durch seinen Tod am Kreuz und durch seine Auferstehung.
Der Schaden, der die Beziehung zwischen Gott und allen Menschen belastet, muss ausgeglichen werden. Und eigentlich wären die Menschen dazu verpflichtet, diesen Ausgleich zu schaffen. In Jesus Christus nimmt Gott nun aber den Schaden auf sich. Paulus verwendet hier einen Begriff aus der Buchhaltung. „Gott hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet.“ (V. 19b) Das heißt soviel wie: Gott belastet unser Konto nicht mit den Forderungen, die er gegen uns hat. Er schreibt die Forderungen also ab und belastet damit sein eigenes Konto. Das ist es, was am Kreuz geschieht. „Obwohl Christus ohne jede Sünde war, hat Gott ihm unsere Sünde aufgeladen.“ (v. 21a) Denn: „In Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen.“ (V. 19a)
Gott nimmt also von sich aus den Tausch vor. Er verändert von seiner Seite aus die Beziehung zwischen sich und uns. Er tauscht die Feindschaft gegen die Freundschaft. Er erklärt also den Frieden. Und er tut dies, obwohl er der Geschädigte und Angegriffene ist.
Eine einseitige Friedenserklärung hat so ihre Tücken. Das sehen wir gerade aktuell am Beispiel von Donald Trump und dem Iran. Völlig zu Recht sagt der Iran, dass noch kein Frieden ist, nur weil Donald Trump sagt, dass Frieden ist. Zum Frieden gehören beide Seiten.
d) Wenn über den Frieden verhandelt wird, dann braucht es Diplomaten. Paulus sieht sich als einen solchen Diplomaten an. Er ist im Auftrag Gottes unterwegs, um den Frieden allen Menschen anzubieten. Er sagt:
„Ja, Gott selbst lädt die Menschen durch uns ein. So bitten wir im Auftrag von Christus: Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (V. 20)
Gott übernimmt die Kosten des Konflikts. Von seiner Seite aus ist die Beziehung bereinigt. Der Freundschaft und dem Frieden mit Gott steht nichts mehr im Weg. Er hat damit eine neue Wirklichkeit geschaffen. Doch hilft mir das nicht, wenn ich nicht in diese Wirklichkeit einstimme. Dann bleibe ich im Konflikt mit Gott. Erst, wenn ich zustimme, verändert sich auch mein Leben und meine Beziehung zu Gott. Sie wird ganz neu.
Gott zwingt keinen die Versöhnung anzunehmen. Aber er lädt ein, deutlich und eindringlich. Dafür hat er seine Boten. Paulus war ein solcher Bote. Doch im Grunde wird jeder zu einem solchen Boten, der den Friedensschluss mit Gott annimmt. Also im Prinzip jeder Christ.
„Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Das ist die Botschaft, die uns anvertraut ist.
e1) Wenn Gott allen Menschen Versöhnung anbietet, was macht es dann so schwer, diese Versöhnung anzunehmen, die Feindschaft gegen Gott in eine Freundschaft mit Gott zu tauschen?
Das hat sicher vielschichtige Gründe.
Wer nicht an Gott glaubt, der sieht folglich auch keine Notwendigkeit für Frieden und Freundschaft mit Gott.
Viele glauben zwar irgendwie an Gott, halten die Rede von Schuld und Sünde jedoch für ein moralisches Relikt alter Tage.
Andere sagen, dass sie den Tod am Kreuz von Jesus grausam finden. Für sie hätte er nicht sterben müssen. Sie wollen die Verantwortung für ihr Leben allein tragen.
Und ganz unbedarft und ohne böse Absicht würden viele wohl auch sagen: „Ich habe Gott doch gar nichts getan. Weswegen sollte ich mich dann mit ihm versöhnen?“
Wer so oder ähnlich denkt, dem fällt es natürlich schwer Karfreitag zu feiern. Ihm fehlt die Einsicht, dass alle Menschen, ausnahmslos alle, Versöhnung mit Gott brauchen.
e2) Vielleicht ist das ein Unterschied zu Paulus und den Generationen vor uns. Er konnte darauf aufbauen, dass Menschen ihr Leben in einer Spannung zum Urgrund und zur Quelle des Lebens erfuhren. Sie hatten daher eine Sehnsucht, mit dieser Spannung umzugehen.
Wir erleben diese Spannung auch heute noch. Täglich. Wir brauchen nur eine ganz gewöhnliche Tageszeitung aufzuschlagen. Wir lesen, wie verletzlich das Leben ist. Wir sehen, wie Menschen einander das Leben zur Hölle machen. Und wir hören, dass wir unsere Erde, unsere Lebensgrundlage selbst zerstören. Viele bringen das nicht mehr mit Gott in Verbindung. Und wenn, dann vor allem in einem anklagenden Sinn: „Wenn es Gott gäbe, dann würde er das nicht zulassen.“
Doch Gott lässt all das zu. Genau umgekehrt fragt er uns Menschen, so wie er Kain, den Brudermörder, gefragt hat: „Wo ist dein Bruder? Sein Blut schreit zu mir von der Erde.“ (1. Mose 4,9-10)
Nicht jeder Mensch ist ein Mörder. Das ist klar und auch gut so. Doch wir sind verwickelt in eine Welt, die voller Schuld ist. Und jeder von uns trägt etwas zu dieser Verwicklung bei. Sei es etwas Kleines oder etwas Großes. Das betrifft unsere Beziehung zu Gott, weil Gott alles Leben auf der Erde geschaffen hat,nicht nur meins. Hier spüren wir schon die Spannung zwischen Gott und den Menschen.
Doch die Sache geht noch weiter. Sie betrifft auch unser direktes Verhältnis zu Gott. Ein offener Atheismus ist dabei nur ein klarer Ausdruck dafür, dass dies Verhältnis zerbrochen ist. Das Problem sitzt tiefer. Vereinfacht gesagt: der Mensch kann und will seine Rolle als Geschöpf nicht annehmen. Stattdessen will er selbst göttlich sein und gebärdet sich entsprechend. Er nimmt für sich eine Rolle ein, die ihm überhaupt nicht zusteht.
Davon ist jeder Mensch betroffen. Und darum brauchen wir Versöhnung mit Gott.
Gott bietet die Versöhnung an. Ja, wie ein Bittsteller demütigt er sich regelrecht und bittet darum, den Friedensschluss zu vollziehen. Doch dazu gehört, dass Menschen es einsehen und annehmen, dass sie Versöhnung mit Gott brauchen. Das ist nichts Moralisches, sondern etwas zutiefst Existenzielles. Es betrifftunser innerstes Wesen und das Bild, das wir selbst von uns haben wollen und aufrechterhalten.
Wenn wir Christen als Boten Gottes Versöhnung anbieten, werden wir nicht darum herumkommen, dies klarzumachen. Bevor man Versöhnung annehmen kann, muss man die Einsicht haben, dass man Versöhnung nötig hat.
f) Wir feiern Karfreitag. Wir denken an den Tod von Jesus. Als Christen sind wir bereits hineingenommen in die Versöhnung, die Gott durch ihn geschaffen hat. Wir haben den Tausch vollzogen, von der Feindschaft gegen Gott zur Freundschaft mit Gott. Daran lasst uns festhalten und mit Jesus Christus leben.
Und wir sind berufen, Gottes Boten zu sein. Auch durch uns, und durch unsere Schwachheit hindurch, lädt Gott Menschen ein. Darum rufen auch wir: Lasst euch mit Gott versöhnen.
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen








