Andacht 04.01.2026

04. Januar 2026 | Andachten

Weißt du’s schon? – Predigt zu Eph 3,1-9, Epiphanias, 04.01.2026

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn

Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

(1) früher, in der Schule, gehörte ich zu denen, die Gerüchte als Letzte

mitkriegten. Wenn getuschelt wurde, wer mit wem entweder zusammen

oder frisch zerstritten war, war ich fast immer außen vor. Ich gehörte nicht

zu dem Kreis, in dem diese Geheimnisse weitergegeben wurde. Anfangs

fand ich das ziemlich blöd. Denn es zeigte mir, dass ich irgendwie nicht

dazugehörte. Doch mit der Zeit merkte ich, dass es egal war, ob ich das

Geheimnis kannte oder nicht. Es hatte keine Auswirkung auf mein Leben,

zu wissen, ob Theresa und Annett sich auf dem Schulhof die übelsten

Schimpfwörter an den Kopf geknallt hatten. Und wenn noch später das

Geheimnis kein Geheimnis mehr war, weil alle es wussten, dann waren die

beiden schon wieder die besten Freunde.

Das waren eher die harmlosen Geheimnisse. Dann gibt es noch die kleinen,

schmutzigen Geheimnisse, im echten Leben. Oder viel eher doch in den

Krimiserien im Fernsehen. Das sind die Geheimnisse, die dem Mitwisser

Macht verleihen. Wenn man das weiß, ist man den anderen überlegen. In

dem Fall ist Wissen tatsächlich Macht. Da ist man darauf bedacht, dass der

Kreis der Mitwisser klein bleibt.

Und Kindern wird im Zuge der Prävention vor sexuellem Missbrauch

beigebracht, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt. Die guten

Geheimnisse bereiten Freude. So steigt zum Beispiel die Vorfreude, je

länger man das Geheimnis für sich behält – bis hin zu dem Tag, wo die

Überraschungsparty zu Papas Geburtstag steigt. Schlechte Geheimnisse

hingegen verursachen Übelkeit, wenn man nur daran denkt. Und für den

Fall, dass man es weitererzählt, wird mit Schlägen oder anderen bösen

Dingen gedroht. Diese schlechten Geheimnisse sollte man nicht für sich

behalten, sondern weitererzählen. Damit kommt das Geheimnis ans Licht

und verursacht keine Ängste mehr. Ein Geheimnis zu offenbaren, entlastet

das Gemüt. Ein Geheimnis, das alle kennen, ist dann kein Geheimnis mehr.

1(2) Paulus schreibt in seinem Brief an die Christen in und um Ephesus in

Kleinasien auch von einem Geheimnis – und deckt es auf! Vermutlich

würden dem FBI die Haare zu Berge stehen. Es war doch topsecret, und

nun wird es hinausposaunt! Doch gerade darum geht es dem Paulus. Denn

es ist ein sehr gutes, ein göttliches Geheimnis. Und so schreibt er:

1 Deshalb bete ich, Paulus, für euch, die Heiden. Euch kommt es

zugute, dass ich der Gefangene Christi Jesu bin.

2 Ihr habt doch gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch

verliehen hat.

3 Durch eine Offenbarung wurde mir das Geheimnis mitgeteilt, das

ich soeben kurz beschrieben habe.

4 Wenn ihr das lest, könnt ihr sehen, welche Einsicht in das

Geheimnis Christi mir gegeben ist.

5 Den Menschen früherer Generationen war es nicht bekannt; jetzt

aber ist es seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist

offenbart worden:

6 dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören

und an derselben Verheißung in Christus Jesus teilhaben durch das

Evangelium.

7 Ihm diene ich dank der Gnade, die mir durch Gottes mächtiges

Wirken geschenkt wurde.

8 Mir, dem Geringsten unter allen Heiligen, wurde diese Gnade

geschenkt: Ich soll den Heiden als Evangelium den unergründlichen

Reichtum Christi verkündigen

9 und enthüllen, wie jenes Geheimnis Wirklichkeit geworden ist, das

von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war.

(Eph 3,1-9, Einheitsübersetzung 1980)

Das Geheimnis von Paulus ist, dass auch die Heiden durch Jesus Christus

gerettet werden. Also nicht nur die Juden gehören zum Volk Gottes, sondern

auch die Menschen, die aus der nicht-jüdischen Tradition kommen. Die

Kirche Jesu Christi besteht aus beiden Teilen, und beide Teile sind

gleichwertig. Eins ist nicht besser als das andere. Beide gehören

zusammen. Paulus betont das, indem er dreimal das Wörtchen „mit“

verwendet und dafür sogar neue Worte erfindet: Die Heiden sind mit-

leibend, miterbend und mit-Anteil-habend.

Dieses Geheimnis ist Paulus direkt von Gott offenbart worden. Das ist auch

der Unterschied zum Rätsel: Ein Rätsel wird mithilfe der Vernunft und des

Verstandes gelöst. In ein Geheimnis hingegen wird man eingeweiht. Einer

2muss es mir sagen, weil ich selbst nicht darauf kommen kann. Und so ist

das mit Gottes Geheimnis: Paulus war ein kluger Typ, ein Gelehrter. Doch

mit all seinem Verstand ist er nicht darauf gekommen, dass Jesus Christus

Gottes Sohn ist. Wäre Jesus ihm nicht direkt begegnet, hätte Gott sich ihm

nicht persönlich offenbart, dann hätte Paulus vermutlich bis an sein

Lebensende Christen verfolgt. Gott musste ihn einweihen.

Und Gott tat gut daran, sich den Paulus als Geheimnisträger auszusuchen.

Denn Paulus hatte die Kraft und die Energie und Leidenschaft, dieses

Geheimnis in die Welt zu tragen. So ganz einfach war das nämlich nicht.

Diese Offenbarung trug Sprengstoff für die junge Kirche in sich. Bisher war

es selbstverständlich gewesen, dass nur Juden zu Gottes ausgewähltem

Volk gehören. Und nun behauptete Paulus, dass auch die Heiden vollwertig

dazugehören und gerettet werden– und führte das auch noch auf eine

göttliche Offenbarung zurück. Solch eine Behauptung musste gut geprüft

werden. Doch Gott hatte auch Petrus und andere in dieses Geheimnis

eingeweiht.

So kam es um 48/49 n. Chr. in Jerusalem zum Showdown, nachzulesen in

der Apostelgeschichte, Kapitel 15. Nach hitzigen Diskussionen konnten

schließlich Paulus, Petrus und einige andere Eingeweihte die Gegner

überzeugen. Es brauchte Zeit, bis sich diese Erkenntnis durchsetzte.

(3) Auch wenn das auf dem Apostelkonzil als etwas unerhört Neues

diskutiert wurde, war es gar nicht so neu. Denn Gott hatte schon vor der

Erschaffung der Welt diesen Plan, dass alle Menschen durch Jesus Christus

gerettet werden sollen. Dabei begann er, seinen Heilsplan schon dem

Abraham zu offenbaren. Ihm hatte er gesagt: „Durch dich sollen alle

Geschlechter Segen erlangen.“ (Gen 12,3) Dieser Bogen spannte sich bis zu

Paulus, den Gott auch einweihte.

Dazwischen gab es noch verschiedene Offenbarungsstationen. Die

Propheten sprachen davon, dass auch die Völker sich einmal dem Gott

Israels zuwenden würden. Und heute, kurz vor Epiphanias, denken wir

natürlich auch an die Weisen aus dem Morgenland. Sie erkannten, dass

Gott in Christus leibhaftig in der Welt war, dass dieses Kind in der Krippe

der König der Welt war. In der Kunst werden sie oft als Vertreter der drei

damals bekannten Kontinente dargestellt. Damit bringen sie das göttliche

Geheimnis sehr gut auf den Punkt. Paulus selbst sieht sich auch in dieser

Offenbarungstradition, zusammen mit anderen Aposteln und Missionaren

der frühen Christenheit. Das Apostelkonzil war dann sozusagen die

3institutionelle Legitimation, dass es ein gutes Geheimnis Gottes ist. Das

kann man nun weiter in der Welt verkünden. Der Epheserbrief ist dann die

Offenbarung dieses Geheimnisses, zumindest gegenüber den Adressaten.

Für sie scheint es auch etwas Neues gewesen zu sein. Gottes Gegenwart

breitet sich immer weiter aus auf der Welt. Die Kirche Jesu Christi wird im

Laufe der Zeit immer größer und weiter.

(4) Dass Menschen aus allen Völkern zu Gott gehören, ist für uns weder ein

Geheimnis noch etwas Neues. Es ist für uns selbstverständlich – sonst

säßen wir heute nicht hier. Es erscheint nicht mehr als ein Geheimnis, das

die Sicht auf die Welt verändern kann. Denn dieses unser Geheimnis, wenn

es denn noch eins wäre, will kaum einer mehr wissen. Es passiert nur noch

selten, dass Leute von außen an uns herantreten und fragen, was es denn

mit dem Christsein auf sich hat. Vieles bleibt in ihren Augen ein

unverständliches Geheimnis. Der Glaube und manche unserer Rituale

erschließen sich nicht von selbst. Ich denke da z.B. an das leise Geflüster

einer Trauerfamilie, als sie die Einsetzungsworte hörte, vom Blut Christi,

das vergossen ist und nun getrunken wird. Wer nicht „eingeweiht“ ist in das

Geheimnis des Abendmahls könnte diese Worte leicht missverstehen.

Kaum einer will es wirklich ganz genau wissen und zum Kreis der

„Eingeweihten“ dazugehören.

Wesentlich beunruhigender finde ich in diesem Zusammenhang, dass die

Menschen ihre Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen in andere Bahnen

lenken. In unserer Welt kann fast alles wissenschaftlich erklärt werden.

Raum für Geheimnisse und Dinge, die unerklärlich sind, bleibt kaum. Das

scheint für uns Menschen unbefriedigend zu sein. In uns Menschen scheint

eine Sehnsucht nach genau solchen Mysterien zu leben. In diesem

Zusammenhang ist mir diese Weihnachten aufgefallen, wie in den

Zeitungen und Medien die Rauhnächte, also die Zeit zwischen den Jahren,

beworben und gehypt wurde. Mit Bräuchen und Ritualen wird versucht, ein

bisschen Zauber einzufangen. Angeblich wird an das angeknüpft, was

früher schon bekannt war und jetzt wiederentdeckt wird, was meistens

nichts mit dem Christentum zu tun hat. Manche Ratschläge sind dabei

einfache Überlegungen für das seelische Wohlbefinden. Anderes hat

deutliche esoterische Anklänge, und einzelnes gehört in den Bereich des

Spiritismus und Geisterglaubens. Das wird dann gefährlich und ist mit dem

Glauben an Jesus nicht vereinbar. Ich persönlich finde es nicht

angemessen, wenn auch die Kirchenzeitung auf diesen Zug aufspringt. Mit

4der Adventszeit vor Weihnachten haben wir eine eigene Zeit der Besinnung.

Wir bereiten uns auf die Begegnung mit Christus vor und können auch zur

Ruhe kommen. Unser lebendiger Adventskalender war eine schöne

Gelegenheit, wie auch die verschiedenen Bläsermusiken. Schade, wenn

man neue Offenbarungen hervorkramen muss, weil man das Eigene nicht

zu schätzen weiß.

Jedenfalls kann man festhalten: Es gibt eine Sehnsucht nach Geheimnis,

aber unser Geheimnis scheint aktuell nicht interessant genug.

(5) Daher stellt sich uns, die wir hier sitzen, die Frage: Was machen wir nun

mit unserem Geheimnis, das einerseits so richtig keins mehr ist, und das

andererseits eh‘ kaum einer mehr wissen will?

Die Antwort ist ziemlich kurz: staunen, freuen, anbeten.

Gott hat uns gezeigt, dass auch wir zu seinem Volk dazugehören, dass wir

ihm wichtig sind und Christus unsere Rettung ist. Durch Worte der Bibel,

durch die Verkündigung und durch persönliche Erfahrungen hat Gott uns an

dieser Erkenntnis teilhaben lassen. Gott selbst und seine Pläne für uns

haben wir vielleicht ansatzweise erkannt. Doch bleibt vieles davon noch

geheimnisvoll und verborgen für uns. Und Weihnachten gehört definitiv zu

einem der größten göttlichen Geheimnisse. Wenn wir uns wirklich darauf

einlassen, brauchen wir gar nicht woanders nach dem Nervenkitzel des

Verborgenen zu suchen. Da reicht es, an der Krippe im Stall von Bethlehem

zu stehen. Und wenn wir an den kleinen Babyhänden den Fingerabdruck

Gottes erkennen, gehören wir dazu. Wir sind eingeweiht, weil Gott sich uns

selbst gezeigt hat. Und so werden wir selbst für diese Welt zu

Geheimnisträgern.

Staunen, freuen, anbeten – ich hoffe, dass das in diese Welt ausstrahlt.

Dass es Menschen dazu bringt, nachzufragen, nach dem Geheimnis

unserer Freude.

Staunen, freuen, anbeten – damit fing es auch bei den drei Weisen aus dem

Morgenland an. Und es ist ein guter Anfang für ein neue Jahr.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen noch ein gesegnetes neues Jahr.

Beginnen wir es, indem wir über Gottes Geheimnis staunen, uns über ihn

freuen und ihn gemeinsam anbeten.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre

unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

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