Andacht 16.06.2024

17. Juni 2024 | Andachten

 


Predigt vom 16.06.2024 von Vikar Nicolas Winkler


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Predigt für den 3. Sonntag nach Trinitatis, 16.06.2024, über Lk 15,1-3.11-32

von Vikar Nicolas Winkler

Lukasevangelium, Kapitel 15:

1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer

und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit

ihnen.

3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sprach zu

dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.

13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein

fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.

14 Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er

fing an zu darben 15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der

schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. 16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen

mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.

17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle

haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater

gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19 Ich

bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner

gleich!

20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah

ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir;

ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.

22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht

es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt

das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein

Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.

Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen

und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. 27 Der aber

sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet,

weil er ihn gesund wiederhat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging

sein Vater heraus und bat ihn.

29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und

habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit

meinen Freunden fröhlich wäre. 30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein

Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist

dein.32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot

und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.2

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des

Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

manchmal sind die Liebsten zum Haare raufen. Es erscheint mir kein Wunder zu sein,

weshalb mein Vater keine Haare mehr hat.

Gerade die eigenen Kinder mag man manchmal zum Mond schießen. Aber irgendwie dann

doch nur mit einer Rückfahrkarte. Denn dann, wenn der Abschied bevorsteht: Auszug,

Auslandsjahr, oder auch nur die ersten Ferien alleine – dann fällt der Abschied doch

schwer.

Es ist diese Verankerung in der menschlichen Lebenswelt, weshalb die Geschichte vom

verlorenen Sohn so bekannt und beliebt ist.

Sie ist auch so bekannt, weil es eine herzerwärmende Geschichte ist. Höre ich sie, fiebere

ich mit. Mit dem Sohn, der vom rechten Weg abkommt, abstürzt und doch noch die Wende

bekommt. Man freut sich am Schluss über das Happy End, als der Vater den Sohn wieder

mit offenen Armen empfängt.

Und das schönste daran: Es ist ein Happy End, eines das allen gilt. Jesus erzählt die

Geschichte als Gleichnis. Deshalb sind die Söhne, die Söhne Gottes – wir Menschen und

der Vater ist zu verstehen als Gott. Gerade weil es in dem Gleichnis um die Beziehung zu

Gott geht, ist das Happy-End des Gleichnisses, ein Happy-End für uns: Ganz gleich was wir

in unserem und mit unserem Leben anstellen, am Ende gibt uns Gott immer wieder eine

neue Chance. Das zu wissen ist nicht nur beruhigend, es ist auch ein Grund, Gott immerzu

zu danken. Danken, weil wir nichts tun können, für das Gott uns verstößt. Wir können

immer zu ihm zurückkehren. Bei ihm sind wir immer willkommen.

Dennoch frage ich mich. Was erzählt die Geschichte mir? Jesus erzählte die Geschichte,

weil Israeliten, die sich für besonders gute Gläubige hielten, sich darüber aufregten, dass

Jesus mit Sündern und Zöllnern aß. Das war ein Aufreger, denn Zöllner hatten ein sehr

schlechtes Standing.

Zöllner waren eine besondere Art von Unternehmern. Sie hatten von den römischen

Besatzern teuer das Recht gekauft, Zoll und Steuern einzunehmen. Das Geld, das die

Zöllner den Römern für das Zollrecht gezahlt hatten, holten sie sich aber vielfach dadurch

zurück, dass sie ihren Landsleuten das Geld aus der Tasche zogen. Für die gemeine

Landbevölkerung waren Zöllner nicht nur Verräter, weil sie mit den Besatzern

zusammenarbeiten, sondern man hielt Zöllner auch für übelste Gauner. Deshalb regten

sich einige der beistehenden Israeliten darüber auf, dass Jesus mit ihnen gemeinschaftlich

und auf Augenhöhe Umgang hatte.

Die Zöllner von Heute sind Enkelbetrüger, Trickdiebe, falsche Polizisten, windige

Internetverkäufer, betrügerische Unternehmer.

Aber bin ich das? Erkennen Sie sich in der Rolle der Zöllner? In einer Rolle von Betrügern

und windigen Verbrechern?3

Ich nicht. Ich bemühe mich redlich, Gott nahe zu sein. Auch Sie, liebe Gemeinde, bemühen

sich offensichtlich, sonst wären Sie ja nicht hier. Ich denke, Sie und ich, wir bemühen uns,

unser Bestes zu tun, Gottes Geboten und Gottes Willen gerecht zu werden. Wir bemühen

uns, ein Leben in der Nähe Gottes zu führen.

Ebensowenig ich erkenne mich im verlorenen Sohn des Gleichnisses. Ich erkenne mich eher

im älteren, im daheimgebliebenen Sohn wieder. Der Sohn, der nicht über die Strenge

schlägt. Der Sohn, der demütig rackert und nur wenig für sich verlangt. Der Sohn, der seine

Träume und Sehnsüchte, für die er sich vielleicht sogar schämt, nicht auslebt.

Liebe Gemeinde,

ich zumindest sehe mich eher in der Figur des älteren, des daheimgebliebenen Sohnes. Ich

finde damit zwar meinen Ort in der Geschichte, aber glücklich kann ich damit nicht sein,

denn dieser Sohn wird von Jesus nicht gerade freundlich charakterisiert.

Als der daheimgebliebene Sohn davon hört, wie der verlorene empfangen wurde, reagiert

er empört und stellt seinen Vater zur Rede: Wieso gibst du diesem Sohn, der sein ganzes

Erbe verprasst hat, etwas das ich von dir nie erhalten habe?

Der Ältere, der daheimgebliebene ist darin von Neid geleitet. Er beneidet seinen Bruder,

weil er den Mut hatte, aus dem Alltagstrott auszubrechen. Er beneidet ihn darum, geliebt

zu werden, obgleich er nicht der Norm entspricht. Er gönnte ihm nicht die Vaterliebe und

wollte diese alleine für sich haben.

Denn der ältere Bruder lehnt den Verlorenen dafür ab, dass er die Verhaltensregeln des

Vaters missachtet hatte. Ganz klar denkt er, dass ein solches Verhalten nicht belohnt,

sondern vielmehr bestraft werden sollte. Der ältere Sohn geht davon aus, dass Liebe nur

verdient, wer sich korrekt verhält.

Aber gerade weil der daheimgebliebene Sohn auf seinen Bruder herabschaut und um die

Vaterliebe beneidet, ist er selbst ein verlorener Sohn. Er ist ein verlorener Sohn, weil nicht

Liebe, sondern negative Emotionen ihn leiten. Jesus richtet sich hier ganz klar an die, die

sich Gott nah wähnen. Jesus bringt hier zum Ausdruck, dass auch wer sich in der Nähe

Gottes wähnt, Gott verfehlen kann.

Denn der daheimgebliebene Bruder empfindet die Nähe zu Gott offenbar nicht als

Geschenk, sondern als eine Last, die er geduldig trägt und erträgt. Für ihn ist die Nähe

Gottes ein Regelwerk, der man gerecht werden muss und für das man belohnt werden

sollte.

Das Gleichnis ist eine Ermahnung an uns: wir sind nicht besser, nur weil wir in die Kirche

gehen. Gelebte Frömmigkeit macht uns nicht automatisch zu gottgeleiteten Menschen.

Auch wer die Nähe Gottes sucht, kann Gott verfehlen.

Liebe Gemeinde, zum Glück lässt uns das Gleichnis nicht mit der Schelte negativer

Emotionen stehen. In der Reaktion des Vaters verweist es uns darauf, was eine

angemessene Reaktion gewesen wäre. Der Vater des Gleichnisses, verhält sich nicht nur4

gegenüber dem verlorenen Sohn, sondern auch gegenüber dem treu ergebenen Sohn

nachsichtig. Statt mit ihm zu schimpfen, wirbt er um dessen Verständnis.

Das begründet er zweierlei. Einerseits wirbt er um Verständnis für die väterliche Freude:

Verstehst du nicht, dass ich mich freue, deinen Bruder wieder im Hause zu haben? Ich

dachte, er sei tot, aber er lebt. Freust du dich denn nicht auch? Eine Suggestivfrage, die ja

in der Reaktion des anderen Sohnes wohl eher verneint werden muss. Eine Frage, die aber

zum Nachdenken und Sinnungswechsel einlädt.

Wichtiger – gerade für uns – ist meiner Ansicht nach jedoch die andere Begründung,

weshalb der daheimgebliebene Sohn nicht neidisch sein solle: „Mein Sohn, du bist allezeit

bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.“

Der Vater zeigt seinem älteren, dem daheimgebliebenen Sohn auf, was sein Gewinn war. Er

konnte sich immer der Gegenwart des Vaters erfreuen. Ihn wärmte immer die Liebe des

Vaters. Ihm sprach der Vater immer Trost und Ermutigung zu. Und er durfte immer den

Tisch mit dem Vater teilen, wusste sich ständig von ihm geborgen.

Der Vater muss seinen daheimgebliebenen Sohn daran erinnern, was dieser jeden Tag

empfangen hat, weil all dies für den daheimgebliebenen eine Selbstverständlichkeit war.

Liebe Gemeinde. Diese Ansprache gilt auch uns, auch jetzt. Gerade in Zeiten, in denen die

Kirche in der Kritik steht, in Zeiten, in denen Religion und Glaube einen schlechten Stand

haben, brauchen auch wir einmal eine Erinnerung, weshalb es gut ist, im Hause Gottes zu

verweilen.

Die Geschichte erinnert uns daran, nicht verunsichert zu sein, wenn andere sich von der

Kirche abwenden. Nicht neidisch auf ihr Leben in Gottesferne zu schauen, sondern sich

ganz bewusst darüber zu freuen, in der Nähe Gottes zu leben. Das Gleichnis ist eine

Einladung, dankbar darauf zu schauen, was wir in unserer Gemeinschaft an Gott haben.

Im Gebet ist er für uns erreichbar. Wir können uns geborgen und geliebt fühlen. Sind wir

traurig, sind wir seines Trosts gewiss und einmal im Monat können wir den Tisch mit ihm

Teilen und am heiligen Abendmahl teilnehmen.

Nicht Neid, Eifersucht und Verachtung sind die angemessene Reaktion für die, die sich mit

dem älteren, dem daheimgebliebenen Sohn identifizieren, sondern Dankbarkeit.

Diese Dankbarkeit wünsche ich mir und ich wünsche Sie Ihnen.

Wo wir in Dankbarkeit leben, können wir auch mit dem Marotten unserer Liebsten besser

umgehen. Besser im Sinne von haarschonender. Das wäre doch was.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in

unserem Heiland Christus Jesus. Amen.

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