Andacht 12.05.2024

12. Mai 2024 | Andachten

 


Predigt vom 12.05.2024


Durch Kinderaugen Jesu Abschied und Christi Wiederkehr sehen – Predigt zu Joh 16,5-15; Sonntag Exaudi, 12.05.2024

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
mir graut schon. Morgen, Montag. Ich bin wieder dran, unseren Sohn abzugeben…
Seit der Geburt unserer jüngeren Tochter tut sich unser Sohn schwer mit dem Kindergarten. Manchmal schaffen wir es bis zur Tür des Gruppenraumes, manchmal nur bis zur Sichtweite des Kindergartens.
Dann realisiert unser Sohn, dass er abgegeben wird. Angst verlassen zu werden, steigt in ihm auf. Er wehrt sich dagegen das Gebäude zu betreten, ausgezogen, der Erzieherin übergeben zu werden.
Er weint, er schreit, er bittet: „Bitte verlass mich nicht. Papa, ich möchte bei dir bleiben. Papa lass mich nicht alleine.“

Ich versuche ihm ruhig zu erklären, dass der Kindergarten wichtig für ihn ist; dass er im Kindergarten viel lernt, was er später in Schule und Berufsleben brauchen wird. Ich erkläre ihm, dass es sein muss, da ich arbeite. Und ich sage ihm, dass ich ihn bald abholen werde, so Gott will.

Aber mein Sohn will es nicht hören und ihm ist seine schulische und berufliche Zukunft in diesen Augenblicken ziemlich gleichgültig. Er macht dicht. Weil er in dieser Situation nur Angst davor hat, verlassen werden.

Und mir zerreißt es jeden Morgen das Herz.

Liebe Gemeinde.
Dieses Bild hatte ich vor Augen als ich den heutigen Predigttext las:

Die Jünger haben sich Jesus angeschlossen. Sie haben Vertrauen in ihn gewonnen, alles zurück gelassen und sie sind froh über die Gewissheit, in ihm Gott nahe zu sein, in ihm Heil erfahren zu können, mit ihm die gerechte Welt des Reich Gottes erlangen zu können.

Und dann sagt Jesus: „Nebenbei Jungs, ich habe vergessen zu erwähnen. Ich bin dann mal weg.“

Die Jünger?Sie verharren still; runzeln die Stirn. Sind unsicher, was das eben war. Dann, kommt das Gesagte an. Angst und Panik breitet sich unter ihnen aus. Sie wollen nicht so recht glauben, was er gesagt hat. Verständnislos und enttäuscht machen sie dicht.

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Jesus versucht das Gesagte wieder einzufangen, in dem er sie zu trösten versucht.

  • Es ist zu eurem Besten.
  • Ihr werdet die Welt klarer sehen können.
  • Ich schicke euch als Ersatz einen Tröster, der wie ich von Gott kommt.
  • Ich komme wieder und dann setze ich das Reich Gottes auf Erden ein.Aber auch Jesus merkt, dass das Gesagte nicht durchzudringen vermag, wenn er ergänzt:„Ich hätte euch noch viel zu sagen, aber ihr wärt jetzt überfordert.“Die weitere Reaktion der Jünger ist nicht überliefert. Ich stelle mir vor, dass sie nicht so glücklich waren. Sie rebellierten und fragten, ob ihm ihre Gefolgschaft, ihr Vertrauen so unwichtig sei, dass er nun weggehe. Sie sagen ihm, dass sie ihn haben wollen, keinen Tröster, keine weitere Erkenntnis, sondern nur ihn, Jesus. Sie meinen, selbst zu wissen, was zu ihrem Besten sei.Haben die Jünger Jesu Ankündigung als einen Vertrauensbruch empfunden? Haben sie sich von Jesus getäuscht gefühlt? Wir wissen nicht, ob es diese Ankündigung war, die dazu führte, dass Judas ihn verriet. Ob Petrus aus Enttäuschung heraus Jesus verleugnete. Es ist nicht überliefert, ob die Jünger dem Kreuz fernblieben, weil sie gekränkt waren und deshalb nur wenige Frauen sein Grab aufsuchten.All dies können wir nicht wissen. Aber die Bibel macht deutlich, dass Passion und Kreuzigung die Jünger zutiefst verunsicherte. Dass sie zweifelten, ob sie vergebens vertraut hatten.Dann mit der Auferstehung, gewannen Jesu Worte wieder an Bedeutung. Die Auferstehung verdeutlicht, dass Jesus als leidender Gerechter gestorben ist. In ihr bestätigt Gott Worte und Wirken des Menschen Jesus. Die Auferstehung bestätigt, dass es richtig war, Jesus zu folgen. Sie stellt auch klar, dass die Sünde, die Gottesferne bei jenen war, die Jesus verurteilten und kreuzigten.Christi Himmelfahrt wiederum macht klar, dass die Kreuzigung Jesu Wirken nicht beendete, sondern dass er als von Gott eingesetzter und bestätigter Christ weiter wirkt.Liebe Gemeinde.
    Versuche ich mich in die Jünger hinein zu versetzen, frage ich mich, ob es einen Trost für den Verlust geben kann. Jesus war nicht nur eine Hoffnung, er war auch ein Mensch. Was kann über den Verlust eines nahen Menschen hinwegtrösten? Man kommt vielleicht dazu, den Verlust zu akzeptieren, aber ist das Trost?Das was Jesus als Tröster ankündigt, ist mit dem anstehenden Pfingstfest verbunden: Die Sendung des Heiligen Geistes. Er soll nicht nur den Weg zu Klarheit und Erkenntnis ebnen. Nach dem Evangelisten Johannes hat der Heilige Geist auch die Aufgabe, zu trösten. Gerade, weil Jesus den Heiligen Geist als Tröster benennt, macht er klar, dass er die Trauer seiner Jünger ernst nimmt.

Jesus bleibt in seiner Abschiedsrede jedoch nicht bei der Verheißung des Trösters stehen. Seine Rede geht weiter. Wir haben nur einen Auszug aus ihr gehört. Darin verheißt er den Jüngern mit den Schlagworten „Gerechtigkeit, Friede und Freude“ die Ankunft des Reich Gottes auf Erden. Neben dem Heiligen Geist soll auch die Hoffnung auf die Erfüllung der Verheißung Trost spenden.

Liebe Gemeinde.
Nicht nur die Jünger sind in der Rede angesprochen. Auch ich, auch wir, bald 2.000 Jahre nach der Kreuzigung Jesu, sind zwischen Himmelfahrt und Pfingsten angesprochen von Jesu Abschiedsrede.

Aber wir können die Rede anders hören, als es die Jünger vermochten. Ich habe den Menschen Jesus nie kennengelernt, deshalb kann ich zwar spüren, wie die Trauer nachhallt, ich empfinde sie aber nicht so stark wie die Jünger.

Besser als die Jünger vermag ich jedoch zu erkennen, weshalb der Heilige Geist zum Besten der Christen sein mag. Denn der Geist kann etwas, was der Mensch Jesus nicht vermochte: Er kann über Zeit und Raum hinweg alle Menschen erreichen. So können wir auch lange nach der Kreuzigung des Menschen Jesu noch immer durch den Heiligen Geist mit Jesus Christus in Beziehung treten, uns an ihn wenden, ihn in unser Leben holen. Darin lag und liegt der Trost. Der Trost nicht allein gelassen zu sein.

Der Heilige Geist tröstete die Jünger und tröstet uns mit der Gewissheit: wir sind nicht allein mit unserer Trauer. Gott nimmt nicht nur Anteil an unseren Sorgen, er begleitet uns dabei auch.

So gewiss wir dieses Trostes sein können, ist es dennoch auch uns gegeben, in die Trauer der Jünger einzustimmen. Denn, was den Jüngern vor allem Hoffnung geben sollte – die baldige Wiederkehr Christi, um das Reich Gottes zu errichten – war und ist durch sein Ausbleiben ein Stachel im Fleisch der Christen.

Diesen Stachel der Abwesenheit des Friedensreiches spüren wir dieser Tage viel deutlicher als in den vergangenen Jahren: denn wir sehen, dass Gerechtigkeit, Friede aber auch Freude nicht zu-, sondern abnehmen. [Pause]

Ich denke, guten Grund zu haben, in die Trauer der Jünger einzustimmen.
Ich kann rufen: „Wie lange sollen wir noch warten? Gott, siehst du nicht, die Probleme der Welt? Wie wir unsere Welt zerstören? Wie wir uns gegenseitig umbringen? Wie nicht Liebe und Vertrauen, sondern Hass und Misstrauen auf dem Vormarsch sind?“
Ich kann rufen: „Jesus! Wir haben doch schon fast 2.000 Jahre gewartet. Wie lange müssen wir noch warten, bis du wieder kommst, um das Reich Gottes auf Erden zu errichten?“

Am Liebsten würde ich es machen, wie mein Sohn es im Kindergarten tut: Auf dem Boden stampfen und rufen: „Ich finde es doof“:
„Ich finde es doof, Jesus, dass du noch nicht zurückgekommen bist. Ich finde es doof, dass die Erfüllung deiner Verheißungen immer noch aussteht.“

Und käme damit doch nicht weiter.

Liebe Gemeinde.
Mein Trost als Vater: Ich weiß, dass mein Sohn sich ganz schnell beruhigt, nach dem ich ihn abgegeben habe. Kaum bin ich weg, fängt er an zu spielen, als ob nichts gewesen wäre. Er geht ganz in der Gegenwart auf, versucht das Beste aus ihr zu machen und lebt in der Gewissheit, dass wir ihn nach dem Mittagsschlaf wieder abholen werden.

Von ihm können wir lernen. Versuchen wir das Beste aus der Gegenwart zu machen und darauf zu vertrauen, dass zu einer festgesetzten Zeit Jesus zurückkommen wird, um uns in das verheißene Reich Gottes zu führen.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

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